Ankündigung

Krahl und der antiautoritäre Marxismus
Ein Studienwochenende zu Krahls 50. Todestag
14.-16. Februar 2020, Frankfurt/Main
Wir veranstalten zu Hans-Jürgen Krahls 50. Todestag am 13. Februar 2020 ein Studienwochenende, um seine Texte für die heutige Strategiedebatte und Theoriearbeit zu diskutieren. Es geht darum, Krahl kennenzulernen, seine Begriffe und Thesen in ihrem Zusammenhang zu verstehen und sie für unsere heutigen Interessen anzueignen.
Wir glauben, dass Krahl  trotz des „unabgeschlossenen Zustands seiner Arbeiten“ (so die Herausgeber des Bandes „Konstitution und Klassenkampf“) extrem fruchtbar ist und unsere Diskussionen um etliches voranbringen kann; und dass er im Zusammenhang der antiautoritären Bewegung Einsichten repräsentierte, die mit deren Zerfall und seinem frühen Tod mit 27 Jahren verloren wurden, heute noch nicht wieder erreicht sind und auf die wir hinarbeiten sollten.
Krahl stand für eine konkrete, lebendige Einheit von Theorie und Praxis. Seine Theoriearbeit war eine genuin begriffliche Anstrengung, die den gegenwärtigen Kapitalismus in seinen Teilen wie in seinem Gesamtzustand analytisch zu fassen versuchte, um die konkreten Bedingungen von gegenwärtiger Emanzipation diskutieren zu können. Diese Zeitdiagnose reflektierte dabei immer auf zugrundeliegende Fragen der Werttheorie und materialistischen Dialektik – nicht um Philosophie zu treiben, sondern weil nach Krahl die Gesellschaft erst „unter dem Aspekt ihrer Aufhebbarkeit“ zu beschreiben ist, wenn die Realität der herrschenden Abstraktion in den Blick kommt. In seiner Praxis stand er im Mittelpunkt der antiautoritären Bewegung und ihrer realpolitischen Ziele – Notstandsgesetze, Hochschuldemokratie, Antikriegsbewegung. Als Organisator des SDS und als politischer Redner und Autor war seine Praxis durchdrungen von seiner Theoriearbeit. Vor allem aber waren Theorie und Praxis bei Krahl in konkreter Vermittlung, durch seine Klassenanalysen, seine intensive Bearbeitung der Organisationsfrage und seine Theorie des Klassenbewusstseins. 
Die antiautoritäre Bewegung um 1968 versuchte diese Einheit von Theorie und Praxis zu leben – Krahl jedoch hat sie besonders intensiv reflektiert und am Prominentesten repräsentiert. Sie begann spätestens mit Krahls Tod auseinanderzubrechen, und es blieben die Bruchstücke auf der einen Seite der reinen Theorie, der selbstbezüglichen Neuen Marx-Lektüre, und auf der anderen Seite die zahlreichen Partei-aufbauinitiativen mit ihrem Organisationsfetischismus. Zwar lebte die Einheit von Theorie und Praxis noch einige Zeit in Gruppen wie dem Sozialistischen Büro oder den Spontis vom „Revolutionären Kampf“ weiter, wenn sie auch nicht mehr eine solche Intensität der Reflexion wie bei Krahl fand. Mit dem Zerfall der Spontis und des Sozialistischen Büros im Verlauf der 1970er zerfiel jedoch schließlich auch dies, und schließlich entstanden auf der Theorieseite die Wertkritik und die Antideutschen und auf der Praxisseite die Autonomen.
 
Dies lässt sich für die sozialrevolutionäre Linke bis in die Gegenwart verlängern: Theoriefixierte praxislose Gruppen hier, theorielose aktionistische Gruppen dort. Die konkrete Vermittlung in Klassenanalyse und Organisationsfrage hat lange keine Rolle gespielt. Erst die in den letzten Jahren in der radikalen Linken neu aufflammenden Strategiedebatten – etwa um neue Klassenpolitik oder um antiautoritäre Organisationsfragen – setzten die Einheit von Theorie und Praxis wieder auf die Tagesordnung.
 
Die antiautoritäre Bewegung hatte für Krahl „historisch neue Vernunftprinzipien der Emanzipation“ artikuliert, hinter die nicht mehr zurückgefallen werden sollte. Unter Kritik der bisherigen verkürzten Emanzipationsbegriffe, die in einem einseitigen proletarischen Klassenkampf bestand, war mit 1968 ein qualitativ neuer Emanzipationsbegriff formuliert, der, wenn auch „unentfaltet“, Klassenkampf und Spontanität/Subjektivität vermittelte. Wenn diese Einheit von Klassenkampf und Spontanität/Subjektivität 1968 auch erst im Ansatz und problembehaftet vorhanden war, so brach jedoch auch sie nach 1968 auseinander. Auf die eine Seite trat der industrieproletarisch verengte Klassenkampf, auf die andere Seite die postmoderne Spontanität, die die ökonomische Befreiung aus dem Blick verlor. Krahl versuchte in seiner Theoriebildung wie in seinen strategischen Überlegungen ein unverkürztes Emanzipationsverständnis auszuarbeiten, wie wir es uns heute erst wieder aneignen müssen.
 
Insgesamt liegt in Krahls Texten eine eigenständige Rezeption der Kritischen Theorie vor. Krahl bezieht sich immer wieder zentral auf die Kritischen Theorie und arbeitet sich zugleich an ihr ab. Er arbeitet heraus, wo ihr inneren Widersprüche und Defizite liegen. Krahls Frage war, wie die Kritische Theorie von einer marxistischen Theorie mit praktischem emanzipatorischem Interesse angeeignet werden kann. Diese Frage trieb sicherlich nicht nur Krahl um, sondern viele Studierende um 1968. Aber genau diese Frage und das mit ihr verbundene „Deutungsmuster“ Adornos brach mit dem Zerfall der antiautoritären Bewegung und Krahls Tod ab. Stattdessen ist so eine Lektüre der Kritischen Theorie heute blockiert. Als „verfügbare Lektüren“ gibt es heute nur die liberale Lektüre um Habermas und Honneth, die um sich selbst kreisenden Textexegetik der Neuen Marx-Lektüre und die praxisabstinente Lektüre der Antideutschen – denen gemeinsam die Front gegen Krahls Verbindung der Kritischen Theorie mit dem Klassenkampf ist. Hätte Krahl länger gelebt, hätte er vielleicht eine solche vierte, praktisch-revolutionäre Rezeptionslinie der Kritischen Theorie eröffnen können. Es liegt an uns, seine damaligen Impulse heute wiederaufzunehmen.
 
Vorbereitungskomitee des Studienwochenendes; Berlin, Brüssel, Frankfurt im Dezember 2019